Tierexperimentatoren missbrauchen Albert Schweitzer

Posted by kirsten on Sep 27 2009 at 7:37 PM
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"Die Kreatur ist auch dem Leiden unterworfen in derselben Weise wie wir. Die wahre, tiefe Menschlichkeit erlaubt uns nicht, ihr Leiden aufzuerlegen.“ So zitiert Dr. Wolf-Dieter Hirsch, Chirurg und stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“ Albert Schweitzer. Hirsch hat sich am 26.8.09 mit Diskussionspartner Gummert, dem neuen Chefarzt des Herz- und Diabeteszentrums Bad Oeynhausen, in der Altstädter Nikolaikirche zu einer Podiumsdiskussion eingefunden. Die Reflexion über Leben und Gedanken Albert Schweitzers, der sich vor gut hundert Jahren einen Namen als Theologe wie als Philosoph und Arzt machte, hatte die Kirche dazu veranlasst sich seit Anfang des Jahres vermehrt mit den Themen Tierschutz und Tierversuchen zu beschäftigen.

Aber auch Tierexperimentator Gummert hat ein Zitat von Schweitzer parat, von dem er meint, dass es seiner Sache diene. Schweitzer habe geäußert man müsse dem Tier danken für die Opfer, die es für die Wissenschaft bringe. Tatsächlich wird später herausgestellt, dass Schweitzer für einige Jahre keine kategorische Ablehnung gegen Tierversuche hegte, in seinen späteren Jahren allerdings sehr wohl.

Woher Schweitzers anfängliche Unsicherheit kommt, lässt sich im Laufe der Veranstaltung ebenso gut nachvollziehen, wie, dass er sich schließlich entschieden gegen Tierversuche aussprach: Die Befürworter von Tierversuchen haben durchaus eine Reihe von Argumenten. Nur sind es keine guten Argumente, denn entweder beruhen sie auf falschen Prämissen, ziehen falsche Schlüsse oder es handelt sich in Wahrheit um nichts als Drohungen.

So ist eine über den Abend mehrfach wiederholte Aussage das deutsche Tierschutzgesetz und die Genehmigungsverfahren hierzulande seien sehr viel besser als im Ausland, wo es teils überhaupt keine Genehmigungspflicht gebe. Man solle Tierexperimentatoren also in Deutschland keine Steine in den Weg legen, da man sie so nur ins Ausland dränge, was letztlich den Tieren schaden würde.

Lassen sich Tierfreunde von dieser Drohung einschüchtern, haben die Tiere schon verloren. Ist es nicht traurig genug, dass ein Tierschutzgesetz, welches als unerträglich einzustufende Leiden bereits für einen nur erhofften „Erkenntnisgewinn“ zulässt, als eines der besten in Europa bezeichnet wird? Es erstaunt auch kaum, dass in einem Genehmigungsverfahren, welches fest in der Hand von Tierexperimentatoren ist, kaum jemals ein Versuch abgelehnt wird. Schließlich hat die Tierversuchskommissionen nur beratende Funktion und ist zudem mit einer Mehrheit von Tierexperimentatoren besetzt. Bei der realen Durchführung der Versuche ist keine wirksame Kontrolle gegeben, denn der Tierexperimentaror ist mit seinen Opfern allein. Die Kontrollen des Veterinäramtes beziehen sich nur auf die Haltung der Tiere und dürfen sogar vorher angemeldet werden. Tatsächlich bietet eines der besten Tierschutzgesetze in Europa so gut wie keinen Schutz für Tiere.

Tierversuchsgegner Hirsch stellt in seinem Impulsreferat sachlich die bedenkliche Entwicklung der Tierversuchszahlen in den letzten Jahren vor und verweist auf diverse Arzneimittelkatastrophen in Folge von Tierversuchen. Er stellt seinen Standpunkt dar, dass ein Arzt eine umfassende Verantwortung gegenüber dem Leben habe. Gummert nutzt seine Präsentationszeit, um eine Errungenschaft der Wissenschaft nach der anderen vorzustellen, wobei er mit ihnen die Behauptung in den Raum stellt diese seien Tierversuchen zu verdanken.

Auf die Nachfrage, ob er beweisen könne, dass zwischen den Tierversuchen und den medizinischen Fortschritten ein Kausalzusammenhang bestehe, dass erste also notwendig für letztere seien, müssen Gummert und die Experimentatoren in seiner Begleitung eingestehen, dass jegliche wissenschaftliche Studie zum Nutzen von Tierversuchen fehlt. Der einzige wissenschaftliche Beleg bleibt damit die von Hirsch zitierte Metaanalyse, die eine Übertragbarkeit auf den Menschen von lediglich 0,3% der getesteten Tierversuchspublikationen aufzeigt. 0,3%, aus denen wiederum keine einzige neue Therapie resultierte. In diesem Zusammenhang regt eine Tierärztin aus dem Publikum an, zusätzlich zu berücksichtigen, dass ein Großteil aller Tierversuche gar nicht erst veröffentlicht wird, da die Veröffentlichung gänzlich im Ermessen der Wissenschaftler liegt. Wieder einmal macht die Forschungsfreiheit – die es bis 2002 praktisch unmöglich machte, dass überhaupt ein Versuchsantrag abgelehnt wurde – alles möglich, auch das größte Leiden.

Auf die Frage, was einen Tierversuch ethisch vertretbar mache, was es sei, das den Menschen derart über alle anderen Tierarten hebe, antwortet Gummert zunächst gar nicht. Erst auf mehrfache Nachfrage lässt er sich auf einen unsicheren Verweis auf das Reflexionsvermögen des Menschen ein. Ob er logisch konsequent auch Menschen mit einem geringeren Reflexionsvermögen, wie etwa Kindern, einen geringeren moralischen Wert beimisst, dazu sagt er selbstverständlich nichts.

Selbstverständlich vertritt Gummert auch die Auffassung Ethik sei etwas, das im Ermessen jedes Einzelnen liege. Er könne es „akzeptieren“, dass Dr. Hirsch gegen Tierversuche sei. Offenbar erwartet er, dass sein Standpunkt ebenso gnädig akzeptiert wird. Man fragt sich, ob Tierexperimentatoren Ethik in jedwedem Bereich, also beispielsweise auch bei Folter und Vergewaltigung, dem Ermessens des Individuums überlassen wollen und erwarten, dass jede nur denkbare Einstellung „akzeptiert“ wird. So vermeidet Gummert es denn auch auf den Hinweis aus dem Publikum, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der Moral im Ermessen jedes Einzelnen liegt, auch nur mit einem Wort einzugehen.

Eingestehen muss Gummert, dass Tierversuche oft keinen Sinn haben, grausam sind und oftmals gefährliche Folgen, auch für den Menschen, hatten und haben. Bei seinen ganz persönlichen Experimente und Ausbildungsübungen fehlt ihm dann natürlich doch wieder jede Einsicht. Von diesen möchte er kein Stück abrücken.

Wie so oft zeigt sich in der Nicolaikirche: Tierversuchsgegner arbeiten mit Argumenten, Tierexperimentatoren mit Psychologie. Kein Wunder also, dass Podiumsdiskussionen mit ausgewogenen Teilnehmern so gut wie nicht vorkommen, sondern die meisten so genannten Pro-und-Kontra-Veranstaltungen sorgsam getarnte Propagandaveranstaltungen für Tierversuche sind. Nur wenn die Lügen und Drohungen der Tierexperimentatorenschaft enttarnt werden, besteht eine Chance uns von den rapide steigenden Tierversuchszahlen zu entfernen und auf Dauer von einer veralteten Forschungsmethode zu ethisch und wissenschaftlich zukunftsweisenden Methoden zu gelangen.

Albert Schweitzer: „Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter. Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.“

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