Replacement, Reduction, Refinement – Ersezten, Verringern, Verfeinern. Mit diesen simplen Worten, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts zwei Wissenschaftler namens Russel und Burch als die „3R“ aufstellten, sollen Versuchstiere geschützt werden – nicht vor den Versuchen selbst, sondern innerhalb der Versuche. Widersinnig oder wirkungsvoll? Können Tierversuche harmlos und moralisch vertretbar werden, indem man ihnen Richtlinien auferlegt? Wem nutzen die 3R – den Tieren oder jenen, die an ihnen experimentiere
Betrachten wir die einzelnen Vorschriften genauer:
Replacement bedeutet, dass Experimente an fühlenden Wesen durch Tests an nicht fühlendem Material ersetzt werden sollen, wenn dies möglich ist.
Diese Möglichkeit entsteht jedoch nicht von selbst. Was ist es wert, wenn die Wissenschaftswelt verspricht Tierversuche zu ersetzen, sobald es Alternativen gibt, wenn die Tierversuche Zeit und Geldmittel verbrauchen, die nötig wären um diese Alternativen zu erforschen?
Hinzu kommt, dass die Forderung des Replacements keineswegs die Tötung von Tieren zu experimentellen Zwecken ausschließt. Ebenso wenig Experimente an Tieren, deren Vermögen zu fühlen noch nicht ausgereift ist.
Ein Beispiel: Gift-Experimente an Fischen wurden durch Fischembryonen ersetzt, maximal 2 Tage alt und damit nicht in der Lage Schmerz zu fühlen – noch nicht! Und danach nicht mehr, weil der Versuch ihnen den Tod bringt.
Die Forderung Tierversuche zu ersetzen kann nicht einhergehen mit dem Versuch dieselben Experimente, die zu ersetzen sind, durch Richtlinien zu rechtfertigen.
Reduction bedeutet, dass weniger Tiere in den einzelnen Versuchen gequält und getötet werden. Zum Beispiel durch die Ermittlung der am ehesten „richtigen“ Tierarten für die jeweils untersuchten Fragen, die Anwendung von Hochrechnungsverfahren oder den Einsatz von Tieren, die zuvor durch Gentechnik manipuliert wurden.
Die richtige Tierart für einen bestimmten Versuch zu ermitteln, ist scheinbar eine schwierige und allzu oft unmögliche Aufgabe. Bei dem Schlafmittel Contergan etwa, das man mit verheerenden Folgen an den falschen Tieren testete, fand man im Nachhinein ausgesprochen wenige Tierarten die dem Menschen ähnlich reagierten und dies bei anderen Wirkstoffen auch schon nicht mehr taten. So weiß niemand im Vorhinein welches Tier reagieren wird wie der Mensch. Nur ein einziges Tier wird immer reagieren wie ein Mensch: der Mensch. Diese banale Erkenntnis scheint immer noch zu schwer zu erringen zu sein, wird sie doch mit dem Reduction-Prinzip keineswegs abgedeckt.
Und so sehr es zu begrüßen ist, dass zum Beispiel der LD 50 Test, bei dem die Giftigkeitswirkung eines Stoffes getestet werden kann, indem die Hälfte einer großen Gruppe von Versuchstieren sterben muss, heute oftmals durch Methoden ersetzt wird, bei denen nach statistischer Prüfung weniger Tiere der Substanz ausgesetzt werden, scheitert die Theorie doch deutlich erkennbar an der Realität:
Die Zahlen verbrauchter Versuchstiere steigen, anstatt zu sinken. Offenbar hat der Ansatz die Zahl der Versuchstiere zu senken sein Ziel – so es denn dieses war – klar verfehlt.
Refinement bedeutet, dass Methoden bevorzugt werden sollen, die den Tieren weniger Schmerzen zufügen. Auch die Verbesserung von Haltungsbedingungen fällt hierunter.
In welchem Rahmen ist eine solche Verbesserung möglich? Die Haltung der Tiere ist von den natürlichen Bedingungen weit entfernt. Ein artgerechtes Leben ist im Labor niemals möglich. Die Experimentatoren sind außerdem oft so abgestumpft, dass sie das Leid der Tiere gar nicht mehr wahrnehmen.
Auch eine schnellere Tötung gilt als Verfeinerung. Wie so oft scheint Tierschutz durch den Tod des Tieres gewährleistet. Eine allzu einfache Methode sich jeder Verantwortung gegenüber einem leidensfähigen Wesen – das ja damit keines mehr ist – zu entziehen.
Etwas wahrhaft Schlechtes zu verfeinern, macht es niemals gut.
Entweder ist etwas moralisch vertretbar oder nicht. Entweder ist es in Ordnung Milliarden Tiere für die bloße Hoffnung auf neue Erkenntnisse zu töten oder nicht. Und wenn es nicht in Ordnung ist, so lässt sich nicht das Gegenteil erzeugen, indem man dem Übel einen Stempel aufdrückt, sei dies nun „3R“ oder ein anderer Ausdruck für „kleinere Einschränkungen“.
Zwar vermögen die 3R, soweit sie umgesetzt werden, durchaus Tierversuchsbedingungen zu verbessern, in erster Linie ist ihre Wirkung jedoch die der Bevölkerung eine nicht gegebene Harmlosigkeit vorzugaukeln und vielleicht das in Einzelfällen noch vorhandene Gewissen von Tierexperimentatoren zu beruhigen.
Solange der Irrglaube gefördert wird, die 3R würden Tierversuche zu einer moralisch vertretbaren Wissenschaftsmethode machen, sinkt nur die Hoffnung die brutalste, gefährlichste und sinnloseste Methode des Erkenntnisgewinns abzuschaffen.
Waren die Gladiatorenkämpfe im alten Rom in Ordnung, weil man keine Möglichkeit sah, um die Bevölkerung auf andere Weise gleichwertig zufrieden zu stellen?
Wären Menschenopfer jemals ethisch vertretbar gewesen, wenn man einer Familie nie mehr als ihren Erstgeborenen entrissen hätte?
Wäre die Hexenjagd akzeptierbar gewesen, wenn man die vermeintlichen Hexen schnell geköpft statt qualvoll verbrannt hätte?
Sind also die 3R eine Lösung für das Leid durch Tierversuche?